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Hitler, Mussolini, Franco - Bolívar?

20. April 2026

Ein Text über den Faschismus nach Umberto Eco und inwiefern der Befreier Südamerikas Simón Bolívar faschistisch war.

Eco und sein "Urfaschismus"

Als eines der abschliessenden Themen im Deutschunterricht mit Herrn Beutler haben wir uns mit dem Holocaust befasst. Darunter auch den Faschismus, der prägend für diese Zeit war. Allgemein spielte der Faschismus in dieser Zeit eine grosse Rolle. Um den Faschismus besser zu verstehen, haben wir uns im Unterricht mit dem Essay "Der ewige Faschismus" vom italienischen Semiotiker und Schriftsteller Umberto Eco befasst. Er selbst verbrachte Teile seiner Kindheit unter dem faschistischen Regime von Mussolini.

Sein Essay besteht aus eigenen Erfahrungen, verknüpft mit kritischen Reflexionen. Ebenso ist ein grosser Teil des Essays dazu gewidmet, zu klären, was ein Faschismus ist. Eco spricht hiervon vom Urfaschismus: Für ihn sind nicht alle Faschismen gleich und schon gar nicht durch ein starres Konzept identifizierbar. Um dennoch die Faschismen als eine Kategorie identifizieren zu können, greift Eco auf ein sogenanntes "Familienähnlichkeit"-Prinzip zurück. Und zwar illustriert er dies mit vier Buchstabenabfolgen: abc bcd cde def. Das erste Glied hat nichts mit dem letzten zu tun, trotzdem gibt es eine Verbindung: Sie sind beide Glieder einer Reihe. Die Schlussfolgerung lautet, dass Faschismen durch eine Kette miteinander verbunden sind und gewisse Merkmale mit gewissen Faschismen teilen. Im Folgenden zählt Eco 14 solcher Merkmale auf, die nicht unbedingt für einen Faschismus sprechen müssen, aber aus ihnen können sich Faschismen kristallisieren.

Im nächsten Abschnitt möchte ich einzelne Merkmale erläutern, die für den zweiten Teil dieses Blogs wichtig sind. Das erste Merkmal greift ein grundlegendes Muster aller Faschisten auf. Der Faschismus kann als Anti-Aufklärung aufgefasst werden. Die Aufklärung veränderte die Gesellschaft grundlegend. Mit der Kritik an Dogmen und mit der Aufforderung zur Gleichberechtigung und vieles mehr verteilte sich die Macht auf alle und sie war nicht mehr in einer Person oder in einer Gruppe von Personen konzentriert. Das erste Merkmal nennt Eco "Kult der Überlieferung". Kurz gefasst beschreibt es, dass Faschismen alte Schriften umdeuten, um ihre Ideologie zu belegen. Die Wahrheit sei schon offenbart worden, sie muss nur entschlüsselt werden, so nach dem Faschismus.

Weiteres möchte ich auf einen Punkt kommen, den ich aus mehreren Merkmalen zusammensetzen möchte, da diese alle sich aufeinander beziehen. Und zwar geht es rund um ein Feindbild. Erstens muss ein Klima entstehen, das nur eine "richtige" Richtung postuliert. Es darf keine Kritik geben, doch jeder, der Kritik übt, ist ein Verräter. Darauf kann sich ein "faschistischer" Dissens aufbauen. Ein wichtiger Punkt eines "faschistischen" Dissens ist ein Feindbild. Wenn man an die Rhetorik der Nationalsozialisten zurückdenkt, wurde Angst in der deutschen Bevölkerung vor den Juden geschürt. Die Juden wurden als "Parasiten" bezeichnet, die das Volk ausbeuten – wie ein Parasit seinen Wirt.

Das letzte Merkmal, auf das ich zu sprechen kommen möchte, geht um den ewigen Krieg. Ein Faschismus beruht auf einem Feindbild und dafür entsteht ein Krieg. Wenn es keinen Krieg gibt, heisst es so viel wie, dass es einen Frieden mit dem Feind gibt. Das Ziel des Krieges ist wiederum, den Feind zu eliminieren. Das alles löst einen Widerspruch aus. Und nach Eco zufolge gelang es keinem faschistischen Führer, diesen Widerspruch aufzulösen.

Bolívars Herrschaft unter der Lupe Ecos

Im zweiten Teil dieses Blogs möchte ich Ecos Urfaschismus in Verbindung mit Bolívar bzw. seiner Politik und Rhetorik bringen. Für den Einstieg erläutere ich kurz Bolívars Lebenslauf.

Als wohlhabender Kreole wurde Simón Bolívar 1783 in Caracas, Venezuela, geboren. Damals war Venezuela und das heutige Lateinamerika noch eine Kolonie von Spanien. Als junger Mann verbrachte er seine Zeit in Europa, besonders in Frankreich, und interessierte sich mehr und mehr für Politik und Philosophie. Genau zu dieser Zeit herrschte Napoleon in Frankreich. Bolívar war begeistert von den Ideen der Aufklärung und entwickelte den Wunsch, sein Heimatland zu befreien. Von etwa 1810 an begannen die südamerikanischen Unabhängigkeitskriege und Bolívar spielte besonders im Norden eine grosse Rolle. Nach mehreren Höhen und Tiefen gelang es Bolívar, Venezuela, Kolumbien, Panama, Ecuador und Peru zu befreien, und den Staat Bolivien zu gründen. Der Krieg war beendet und Bolívar wollte seinen Wunsch, einen hispanoamerikanischen Staatenbund durchzusetzen, vervollständigen. Bereits hatte er Grosskolumbien, einen Staatenbund aus Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador, gegründet. Doch in diesen letzten Jahren seines Lebens nach der Unabhängigkeit fiel die Macht aus seiner Hand und die Länder, die er befreite, verfielen in Chaos.

Auf den ersten Blick ähnelt Bolívar nichts wie einem Faschisten. Aber seine Reden und Schriften einstudiert, sind einige Merkmale teilweise erkennbar. Bevor ich auf einzelne Punkte eingehen werde, muss noch hinzugefügt werden, dass Bolívar mehrere Rückschläge erlitt und darüber reflektierte, was schiefging. Daraus folgten seine Kriegs- und Politikideen.

Während des Unabhängigkeitskrieges verfasste Bolívar ein Pamphlet mit dem Titel Decreto de Guerra a Muerte. "Dekret des Krieges bis zum Tode" beinhaltet eine Drohung von Bolívar: Und zwar jeder, der nicht die Unabhängigkeit unterstützt oder Spanier ist, wird umgebracht. Das ist ein Beispiel für Bolívars Kaltblütigkeit, was auch in die gleiche Richtung wie ein "faschistischer" Dissens mit einem klaren Feindbild geht. Seine Rhetorik war stark darauf fokussiert, die Spanier als Gegner, als Feinde, als Unterdrückende zu denunzieren. Zuletzt: Der ewige Krieg. Eines der bekanntesten Zitate von Bolívar ist: "Der Krieg ist mein Element." Er war ein hervorragender Kriegsführer und strebte immer nach der Unabhängigkeit. Und nach der Unabhängigkeit verfolgte er weitere Ziele, doch diese scheiterten. Der Feind war weg, seine Rhetorik wirkte nicht mehr und die vereinten lateinamerikanischen Völker trennten sich gegen Bolívars Willen.

Die Frage, die ich mir in diesem Blog stelle, ist, inwiefern Bolívar faschistisch war. Die kurze Antwort ist: gar nicht. Das Hauptmerkmal aller Faschisten ist die Gegenbewegung gegen die Aufklärung. Das damalige Lateinamerika Anfang des 19. Jahrhunderts war gar nicht aufgeklärt. Aber dennoch sind einige Merkmale auch bei ihm ersichtlich. Und diese Merkmale wurden erfüllt, weil er mit jedem Preis die Spanier vertreiben wollte. Die anderen Merkmale, die nicht erfüllt wurden, musste Bolívar auch nicht erfüllen. Denn das Ziel, die Unabhängigkeit, ging über Bolívar selbst hinaus und Kritiker gab es deswegen auch kaum welche, aber besonders, weil die grösste Menge der Bevölkerung unkritisch war, aufgrund der fehlende Aufklärung. Als Fazit schliesse ich, dass Faschisten bspw. bei Bolívars Herrschaft anknüpfen können und erkennen, welche Grundbedingungen verlangt sind.

Simón Bolívar wird hier als Befreier und Staatsmann portraitiert. (Foto von Haohua)