Mit den Modernisierungsschüben im 19. Jahrhundert erlebte auch die (deutsche) Literatur eine Modernisierung. Die moderne Literatur hat ihre Anfänge im Naturalismus und findet sich immer wieder in weiteren Werken. Was die moderne Literatur ausmacht, besonders im Vergleich zur traditionellen Literatur, haben wir im Deutschunterricht behandelt. Darunter befassten wir uns mit dem Roman Radetzkymarsch.
Im Roman Radetzkymarsch, geschrieben von Joseph Roth, wird der langsame Zerfall des österreichischen Kaiserreichs beschrieben. Die Geschichte folgt Carl Joseph Trotta, Enkelsohn von Joseph Trotta bzw. Joseph von Sipolje und Trotta. Joseph erhielt diesen Adelstitel, weil er dem Kaiser Franz Joseph bei der Schlacht von Solferino das Leben gerettet hat. Diesen Adelstitel und auch diesen militärischen Erfolg von Joseph begleitet Carl Joseph durch den ganzen Roman hindurch.
Radetzkymarsch wird der modernen Literatur zugesprochen, was bei Carl Joseph einen Identifikationskonflikt auslöst. Diese Identitätskrise der Hauptfigur ist zentral für moderne Literatur. Die Identitätskrise von Carl Joseph lässt sich einfach mit dem psychologischen Modell von George Herbert Mead erklären. Er stellt die menschliche Identität folgendermassen dar: Die Identität selbst bezeichnet er als «Self». Dieses «Self» besteht aus dem «Me» und dem «I». Das «I» bezeichnet die Person an sich, wie sie ist. Das «Me» bezeichnet, wie die Person von ihrem (sozialen) Umfeld geprägt wird. Diese beiden Elemente müssen sich zusammen abfinden können, ansonsten gibt es eine Identitätskrise.
Bei Carl Joseph entsteht eben eine solche Identitätskrise. Sein Leben war sehr traditionell und militärisch geprägt, was sein «Me» ausmacht. Dieses «Me» von Carl Joseph wird besonders von Franz Trotta, seinem Vater, beeinflusst. Dieser, als Alleinerziehender, legt viel Druck auf Carl Joseph, ein exzellenter Soldat bzw. Diener des Kaisers zu werden. Ebenso lastet der Druck von seinem Grossvater auf Carl Joseph. Als der Enkel des Helden von Solferino erliegt ihm einem Zwang, Grosses zu tun, wie seinem Grossvater. Doch in Carl Josephs Fall entspricht sein «Me» überhaupt nicht seinem «I». Sein «I» ist durch ein ganz starkes emotionales Leben geprägt, ganz anders als das starre Soldatenbild des «Me».
Diese Identitätskrise führt zusammen mit dem Zerfall des Reiches zu einem gewissen Pessimismus, der Carl Joseph zum Alkoholismus und zur Gleichgültigkeit und Melancholie treibt. Der Zerfall des Reiches ist dennoch bedeutsam für diesen Pessimismus, weil all die (traditionellen) Werte und das (traditionelle) Weltbild zusammenbrechen bzw. nicht mehr anwendbar für die neue Welt sind. In anderen Worten ist Carl Joseph in der neuen Welt verloren, weil seine Orientierungspunkte verschwunden sind. Das betrifft nicht nur Carl Joseph, sondern etliche andere Figuren im Roman, wie den Kaiser selbst. Ihnen ist bewusst, dass das Reich am Zerbröckeln ist, aber ebenso wissen sie, dass nichts zu unternehmen ist, was zu einer Melancholie und auch Gleichgültigkeit führt.

Der Roman Radetzkymarsch beschreibt eine Welt, die sich rasant verändert, gar untergeht. Dasselbe ist auch heutzutage zu spüren: die Revolution mit KI, der immer schlimmer werdender Klimawandel, die politischen Spannungen und vieles mehr. Ich möchte im Folgenden auf die zuvor genannten Aspekte eingehen und Vergleiche zum Radetzkymarsch ziehen. Dafür muss ich noch deklarieren, dass ich folgende Aspekte idealisiere, und es gibt immer Abweichungen.
Das Aufkommen von textgenerierende KI wie ChatGPT hat und bringt immer noch enorme Veränderungen in unserem Alltag. Solche KIs revolutionieren unseren Alltag. Es sind schnelle Veränderungen, die nicht aufzuhalten sind. Zwar sorgen schnelle Veränderungen selbst noch nicht für Unruhe, aber diese KI-Revolution kann man nicht übersehen. Einen negativen Aspekt, den diese KI mit sich bringt, ist ein Wertezerfall. Konkret spreche ich vom Wert des fleissigen und tüchtigen Arbeiters. Besonders in der Schule verliert dieses Ideal seine Existenz. ChatGPT als Beispiel kann, als Hilfsmittel verwendet werden, wird aber besonders als ein Mittel verwendet, das einem die Arbeit macht. Die Frage, die sich Schülerinnen und Schüler immer mehr stellen, ist: Warum soll ich noch auf anstrengende Weise Hausaufgaben machen, wenn die KI es mir viel leichter und auch zeitsparender erledigen kann?
Auch im Radetzkymarsch gibt es einen Wertezerfall. Im Roman wird das Soldatenleben genau beschrieben und da es keinen Krieg gibt, langweilen die sich. Daraus begehren sie Alkohol, Sex und Spielsucht; ganz anders als das heldenhafte, ehrenvolle Bild von Soldaten.
Der Klimawandel ist seit langem ein wichtiges Thema in der Politik. Der Klimawandel bringt viele negative Effekte mit sich, die direkt oder indirekt unseren Alltag beeinflussen. Jedenfalls steht fest, dass der Klimawandel uns immer bedrohlicher wird, denn es könnte das Ende der Menschheit bedeuten. Und das ist der springende Punkt. Jetzt gibt es noch die Hoffnung und auch die Versuchung, den Klimawandel aufzuhalten, aber das Gefühl des Scheiterns und des Untergangs dringt von Zeit zu Zeit in uns hinein.
Was macht das mit uns? Manche bemerken es nicht, andere wirken dagegen, aber uns alle betrifft diese Schwermütigkeit, die auch im Radetzkymarsch aufgezeigt wird. Denn für manche Figuren ist das Reich ihre Welt, die untergeht.
Als Fazit schliesse ich noch, dass die Themen vom Radetzkymarsch uns heutzutage besonders wieder betreffen. Die schnellen Veränderungen und das Zerbröckeln der Welt (zusätzlich mit den politischen Spannungen, die ich nicht ausgeführt habe) drängen besonders uns Jugendliche zu einem schwermütigen Leben.
Deutschnotizen zum Unterricht
Quillbot.com (Korrekturprogramm)
Bild von Albert Anker, "Der Trinker", online Zugriff: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Anker_Der_Trinker_1868.jpg